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Siebenköpfige Schlangen und fliegende Mäuse: Ostfriese Albertus Seba schuf Europas größte Naturaliensammlung

Die kleine Ortschaft Etzel in der ostfriesischen Gemeinde Friedeburg ist vor allem wegen ihrer Salzstöcke bekannt. In riesigen Kavernen lagern Erdöl und Erdgas. Doch stolz sind die Einwohner vor allem auf die Herkunft des wohl bedeutendsten Naturaliensammlers des 17. und 18. Jahrhunderts. "Wir haben Albertus Seba nicht vergessen", sagt Ortsvorsteher Hartwig Conrads (SPD). Zu Ruhm sei Seba (1665-1736) zwar erst in Amsterdam gelangt. Die Wiege des Apothekers und Naturforschers stehe jedoch in Etzel, betont Conrads. Ein Platz mit einem Gedenkstein und eine Straße erinnern dort an den berühmtesten Sohn der Region. In der Kirche befinden sich zudem ein Taufbecken und zwei Gemälde, die Seba einst seiner Heimatgemeinde geschenkt hatte. "Er vergaß nie seine Etzeler", sagt Conrads.

Neben seinen Schenkungen an die Kirchengemeinde hätte seine Familie…

…auch einen "Thesaurus" von ihm erhalten. Doch den Wert dieses für viele Wissenschaftler lange Zeit unverzichtbaren Nachschlagewerks mit diversen Beschreibungen und Abbildungen von seltenen Pflanzen und Tieren hätten die Angehörigen nicht einschätzen können. Conrads: "Sie beklebten die Zimmerwände mit den herausgetrennten Kunstdrucken." Dabei handelte es sich um hochwertige Bildtafeln, die mehrere Kupferstecher im Auftrag Sebas über Jahre angefertigt hatten. Den Stellenwert der Arbeit Sebas besser einschätzen konnte offenbar der russische Zar Peter der Große. "Er wurde vom Amsterdamer Bürgermeister auf die Naturaliensammlung aufmerksam gemacht", berichtet Conrads. Der Zar habe Seba die Sammlung 1717 abgekauft. Conrads: "Noch heute kann man Teile davon in der Eremitage in Sankt Petersburg bewundern."

Der Verkaufserlös bildete den Grundstock für eine neue Sammlung, die an Menge und Vielfalt europaweit einzigartig war. Zu dem im vierbändigen "Thesaurus" beschriebenen Bestand gehörten diverse Pflanzen und Tiere, darunter absonderlichste Geschöpfe. "Als besonders erwähnenswert sind hier wohl die von Seba mit besonderem Stolz präsentierten fliegenden Mäuse und Ratten, fliegende Hunde und Katzen und fliegende Eichhörnchen zu nennen, von deren Existenz er wohl selbst überzeugt war", schreibt der Historiker Erhard Ahlrichs im "Biographischen Lexikon für Ostfriesland." Abgebildet sind auch Embryos, darunter ein menschliches und das eines Elefanten. Besonders skurril mutet ein schlangenartiges Fabelwesen mit sieben Köpfen an. Ahlrichs: "Diese Hydra war ein von geschäftstüchtigen Seemännern künstlich aus Korallen hergestelltes Gebilde.";

Die Zusammenarbeit mit Amsterdamer Seeleuten hatte die Naturaliensammlung erst ermöglicht. Von ihnen bekam Seba aus aller Welt mitgebrachte Heilpflanzen und Tiere. Seine Ausbildung zum Apotheker hatte der Ostfriese noch in Neustadtgödens bei Etzel begonnen. Dieser junge Ort war einige Jahrzehnte zuvor von aus den Niederlanden eingewanderten Mennoniten aufgebaut worden. Deshalb erlernte Seba im ersten Lehrjahr neben naturkundlichen Grundkenntnissen auch die holländische Umgangssprache. Das half ihm im zweiten Lehrjahr im niederländischen Groningen und im dritten Lehrjahr in Amsterdam. Dort kaufte er 1700 ein heute noch existierendes Haus und machte sich selbständig. Sein Unternehmen nannte er "Die deutsche Apotheke". Mit seinem Wissen und seiner Umtriebigkeit erwarb er sich bei den Seemännern einen guten Ruf.

An Bord verkaufte er seine Medikamente und legte Matrosen heilende Salben und Verbände an. Als Lohn kzeptierte Seba oftmals die exotischen Pflanzen und Tiere, die in Alkohol konserviert und in Gefäßen eingelegt waren. Später beauftragte er die Amsterdamer Kaufmannschaft mit dem Ankauf von Heilpflanzen. Die Seeleute gaben ihm Wurzeln, Früchte, Blätter, Blumen und Kakteen, Schmetterlinge, Schlangen, Schnecken, Eidechsen, Vögel, Fledermäuse, Spinnen, Skorpione, Kröten, Seesterne und Fische. Auf diese Weise konnte der Ostfriese erstmals in dieser Ausführlichkeit den Artenreichtum der Erde dokumentieren.

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