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Der Totengräber von Barstede

Auf die Dienste von Hinrich Erdwiens mag Johannes Treblin nicht verzichten. Nach seiner Kenntnis sei der 79-jährige Erdwiens einer der letzten Totengräber, der die Gräber noch immer mit dem Spaten aushebt, sagt der Pastor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden Barstede, Bangstede und Ochtelbur im Landkreis Aurich. Während andernorts zumeist Minibagger zum Einsatz kämen und auch Firmen damit beauftragt würden, schwöre der Rentner aus Barstede nach wie vor auf Handarbeit.

Auch von einer Krebserkrankung lässt sich Erdwiens nicht unterkriegen. Seit zwei Jahren unterstützt ihn zwar…

…gelegentlich Schwiegersohn Johann Graver. Doch aufgeben will er seine Tätigkeit nicht, die im Mittelalter als verachteter Beruf galt. Der Ruf hat sich bis heute kaum gebessert.

Missliebige Politiker werden als "Totengräber der Nation" verunglimpft, beratungsresistente Manager als "Totengräber des Unternehmens XY". An Hinrich Erdwiens prallen solche Metaphern ab.

"Man muss zuverlässig sein", beschreibt der Senior seinen Charakter. So zuverlässig, dass sich die Bestatter bei Wind und Wetter auf ihn verlassen können. Das Arbeiten an frischer Luft hat Erdwiens schon früher als Hofhelfer in der Landwirtschaft gemocht. "Wenn es nach draußen geht, lebt man auf", sagt der Totengräber. Zudem bessert er seine kleine Rente auf.

Erdwiens: "So verdiene ich nebenbei ein bißchen Taschengeld für die Enkelkinder."

Treu zur Seite steht ihm Ehefrau Janna. Die 74-jährige führt detailliert Buch. Sie kann nachweisen, dass ihr Mann seit dem 10. Dezember 1980 insgesamt 186 Gräber auf den Friedhöfen in Barstede, Bangstede und Ochtelbur ausgehoben hat. "Zwei Urnenbestattungen waren auch dabei", sagt Janna Erdwiens. Zudem hat sie die Termine von Taufen, Hochzeiten und dem Einbau einer neuen Orgel in den kleinen Bauernschaften notiert. Darüber hinaus übernimmt sie Küstertätigkeiten. Sie reinigt die Kirche, lässt per Knopfdruck die Glocken läuten und betreut die Gottesdienstbesucher.

Diverse Porzellanengel in ihrem kleinen Landhaus verdeutlichen den Stellenwert, den der Glaube für die Eheleute hat. Dabei war das Verhältnis zur Kirchengemeinde nicht ungetrübt, als Hinrich und Janna Erdwiens heiraten wollten. "Der Pastor wollte uns nicht in der Kirche trauen", erinnert sich Janna Erdwiens, die damals mit dem ersten von insgesamt sechs Kindern schwanger war. Eine schwangere Braut war in den 1950er Jahren nicht gut gelitten.

Den Glauben hat dieses Erlebnis nicht erschüttert. "Wir sind als kleine Leuchten geboren und mussten uns selbst helfen", sagt Janna Erdwiens.

Zunächst habe sie in der Ecke eines Kuhstalls übernachtet, dann in einer kleinen Baracke aus Wellblech. "In den harten Zeiten konnte man immer zur Kirche gehen", sagt die 74-jährige voller Dankbarkeit. Einige Jahre später machte der damalige Pastor das Angebot, ein kircheneigenes Haus zu einem äußerst geringen Betrag kaufen zu können.

Dort wohnen Hinrich und Janna Erdwiens bis heute. Bei jedem Todesfall erhalten sie einen Telefonanruf. Dann greift Hinrich Erdwiens wieder zum Spaten. Früher hat er das Grab mit Holz eingeschalt, heute gibt es ein Gestell. 2,20 Meter lang, 0,85 Meter breit. Etwa 1,50 Meter tief hebt er die Erde aus. Gedanken an das eigene Ableben hat er sich nach eigenem Bekunden nie gemacht. Das hat sich im hohen Alter geändert. "Wenn der Sarg hinunter gelassen wird, denke ich heute schon: Da kommst du nicht wieder raus", sagt Erdwiens. Kurz darauf ist wieder seine Zuverlässigkeit gefragt, wenn er gemeinsam mit den Sargträgern das Grab zuschüttet und Kränze platziert.

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