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Warum der Teehahn in Ostfriesland wohl niemals zugedreht wird

Tee mit Sahne - unter GNU-Lizenz, von der WikipediaPassend zur Wiedereröffnung des Teemuseums ist es für das Ostfriesenblog nun an der Zeit, die Teekultur der Ostfriesen näher zu beleuchten. Denn wie alle wissen, ist den Ostfriesen ihr Tee heilig. Mögen sich die Deiche biegen und der Sturm über das Land hinwegfegen – es bleibt doch Zeit für „n lecker Koppke Tee“. Doch woher stammt diese Freude am heißen Nass?


Zunächst einmal aus rein ökonomischen Überlegungen: Tee war weitaus günstiger zu haben als das bis zum 17. Jahrhundert genossene ostfriesische Nationalgetränk Bier. Das soll zwar nicht heißen, dass das „kühle Blonde“ ab diesem Zeitpunkt verpönt war: Damals wie heute erfreut es sich großer Beliebtheit. Doch trotzdem gelang es dem Tee im Laufe der Jahrhunderte, sich die Pole Position unter den Lieblingsgetränken an der Küste zu sichern. So gingen bereits im frühen 17 Jahrhundert mit Teekisten beladene Niederländer erstmals in Ostfriesland vor Anker. Später beschleunigten ostfriesische Zwischenhändler die Einfuhr des Heißgetränkes. Doch noch Anfang des 18. Jahrhunderts galt Tee eher als Arznei denn als Genussmittel. Erst gegen 1900 lernten die Friesen ihn auch als alltäglichen Trank kennen und lieben.


Haben die einen im Tee?

Seit diesem Zeitpunkt ist der Tee nicht mehr aus der ostfriesischen Stube wegzudenken. Jegliche Versuche den Ostfriesen ihr geliebtes Nationalgetränk wegzunehmen können als gescheitert betrachtet werden. So reagierten die Küstenbewohner auf das von Friedrich II um 1780 erlassene Teeverbot „not amused“. Aus heutiger Hinsicht amüsant war jedoch ihre Taktik, sich der Obrigkeit zu widersetzen: Denn nicht nur der Schmuggel der Blätter, auch heimliches Teetrinken gehörten zur Widersetzungstaktik der Ostfriesen. Man stelle sich das so vor: In einer abgedunkelten Stube trifft sich eine kleine Gruppe von Ostfriesen. Einer steht Schmiere, die anderen kippen hastig das heiße Nass in sich, stets bereit, beim Auftauchen von Wachmännern, die Tassen unter dem Sofa verschwinden zu lassen und mit unschuldiger Miene an den auf dem Tisch bereitstehenden Bierkrügen zu nuckeln…

Nunja, jedenfalls musste selbst der preußische König einsehen, dass die Ostfriesen und ihr Tee unzertrennlich sind: nach zwei Jahren zog er das Teeverbot zurück. Doch die Zeit des Teeverzichts waren damit noch lange nicht vorbei: Da ist zum einen die Napoleonische Kontinentalsperre (1810-1813) zu nennen, in der wieder fleißig geschmuggelt wurde, zum anderen die beiden Weltkriege, in denen den Friesen ab und an Tee und Teelichter ausgingen. Und das trotz ihres Sonderstatus: Als einzigem Völkchen wurden ihnen während des Zweiten Weltkriegs Teerationen zugeteilt. Doch mit der seit Anfang des 20. Jahrhunderts relativ hohen Teesteuer verknappten sich die Blätter so sehr, dass auch diese Sonderrationen nicht ausreichten.


Das letzte Hemd für den Tee

Von den Notzeiten des Krieges gezeichnet und durch die Verknappung schlauer geworden, verlegten sich die Ostfriesen nach dem Zweiten Weltkrieg auf das Hamstern. Im Tausch gegen Speck und Butter erleichterten sie so manchen Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet um seine Tee-Sonderzulage und gaben quasi ihr letztes Hemd für den Genuss eines heißen Tässchens … Erst ab 1953 tauchte ein Teelicht am Ende des Tunnels auf: Die Teesteuer wurde gesenkt und alle Ostfriesen lebten fortan froh und zufrieden mit Stövchen, Kluntje, und – natürlich – Tee.


Teegenuss heute

So ist auch heute noch bei jedem Ostfriesen, der etwas auf sich hält, mindestens vier Mal täglich „Teetied“ (Teezeit) angesagt. Dabei gilt selbstverständlich: „Dree is Ostfreesenrecht“, nämlich der Genuss von mindestens drei Tassen Tee. Ortsunkundige aufgepasst: Alles unter drei Tassen wird von Ostfriesen als eine Beleidigung ihrer Teetradition verstanden. Es wird deshalb geraten, sich mindestens drei Tassen des köstlichen Getränks munden zu lassen.

Sowohl bei der Zubereitung als auch während des Teegenuss ist absolute Ruhe und Entspannung vonnöten. Nicht umsonst heißt es ja: „Abwarten und Tee trinken“. Ist der geneigte Ostfriese dann ganz locker und entspannt, gibt er für jeden Gast einen Löffel und für die Kanne einen weiteren Löffel in die Teekanne. Mit sanften, jedoch nicht angestrengten Bewegungen gießt er nun etwas Wasser in die Kanne bis die Teeblätter bedeckt sind. Nach der jeweils gewünschten Ziehzeit (drei bis fünf Minuten) schüttet er schwungvoll Wasser nach, bis die Kanne gefüllt ist, um den Tee dann durch einen Sieb in die feine, selbstverständlich mit dem bekannten Muster „Rood Dresmer“ verzierte Servierkanne umzugießen.

Ist der Tee dann servierfertig, muss noch die richtige Reihenfolge für die Tassen beachtet werden. Auf den Kluntje folgt der Tee und darauf zum Schluss noch „n Wulkje Rohm“ (= ein Löffel Sahne). Doch Vorsicht: Auch wenn diese Zusammenstellung für Auswärtige befremdlich erscheint, auf keinen Fall umrühren! Denn wer Ostfriesentee stilecht genießen will, schmeckt erst die milde Sahne, gefolgt vom herben Teearoma und abgerundet durch den süßen Zucker- geschmack. Und ganz nebenbei wird so verhindert, dass der Kluntje zu schnell ausgeht …

Wer allerdings nach drei Tassen genug hat, sollte dies schnellstmöglich durch Platzieren des Löffels in der Tasse verdeutlichen – sonst kann es ihm passieren, dass ein gemütlicher Teenachmittag sich bis zum Abend hinzieht, oder sich womöglich zum etwas anderen „Mitternachtstrunk“ ausweitet. Denn gastfreundlich wie die Ostfriesen nun einmal sind, versiegt bei ihnen die Teequelle so gut wie nie.

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