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Maifeiern in Ostfriesland: Hoch, die Fichten und Tannen!

Bei den sommerlichen Temperaturen der letzten Tage mag man es kaum glauben, doch es ist wahr: Übermorgen beginnt wirklich erst der Mai. Und da die Ostfriesen jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um ihrem Brauchtum zu frönen, dürfte heute abend wieder einiges am Deich los sein. Da ziehen die Plattprooter aus, um zu tanzen, sich mehrere Bierchen zu genehmigen oder einfach nur zu feiern. Andere sieht man einem mit Fahnen und seltsamen Abzeichen bestückten Holzmast huldigen. Wieder andere ziehen spät in der Nacht durchs Dorf, um eben diesen Holzmast auszubuddeln und an einen anderen Ort zu beförden. Ganz klar drängt sich die Frage auf: Was ist da wieder los, bei die Fischköppe? …

… Nein, verrückt geworden sind sie nicht, die Ostfriesen – zumindest nicht verrückter, als die meisten sowieso schon sind. Vielmehr handelt es sich bei diesem seltsam anmutenden Gebaren um das Einläuten des Wonnemonats Mai durch die traditionelle Maibaumfeier. Dazu gehört selbstverständlich zunächst einmal eine von sämtlichen Ästen befreite Tanne oder Fichte, die bunt geschmückt wird. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt: Ob Fahnen, Bänder, Lichterketten oder sogar das Vereinsabzeichen der Dorfjugend – bei der Verzierung des Maibaumes kann jeder Ostfriese seine künstlerische Ader unter Beweis stellen und sich so richtig austoben.

Dass der Baum mitnichten nur zum Gucken da ist, verrät das überlieferte "Baum-Erklettern", das heute nur noch selten auf den Dörfern praktiziert wird. Dabei müssen sportliche Ostfriesen den zuvor eingeseiften Holzpfahl hochklettern. Wer dies am schnellsten schafft, darf sich nicht nur "Maibräutigam" nennen, sondern zudem aus der holden Weiblichkeit seine "Maibraut" auswählen, mit der er die ganze Nacht – sofern die Gewählte einverstanden ist – Maihochzeit feiern darf. Für alle anderen gilt: Es darf weiter gebechert und gefeiert werden, unter dem bunt geschmückten Maibaum.

Bei aller Feierlaune wissen die Plattprooter jedoch eines ganz genau: Nur ein gut bewachter Baum bleibt an seinem Fleck. Deshalb wählt jedes Dorf ein eigenes Wächterkomitee, das fortan die geschmückte Fichte weder aus den Augen noch aus den Händen lassen darf. Denn als bewacht gilt der Maibaum nur, wenn mindestens ein Wächter ihn mit seiner Hand berührt. Doch Obacht: Rivalisierende Ostfriesenstämme – die übrigens selbst Wächter eines Maibaumes sein müssen – warten nur darauf, die "Treeguards" abzulenken und ihnen das Bäumchen zu entwenden.

Erlaubt ist dabei alles, was nicht weh tut. Da ist Teamwork gefragt: Zwei der Wächter bewachen den eigenen Baum, während die hübsche Wächterin zur feindlichen Wächtertruppe flaniert und die Aufmerksamkeit vom Baum weg und auf sich lenkt. Und während alle Augen auf sie gerichtet sind, hat der vierte "Mann" aus ihrer Gruppe genug Zeit, den Baum zu entweden. Dazu genügen drei Spatenstiche ("drei Spitt") in der Nähe des Bäumchens, und schon befindet es sich in feindlichem Besitz. Da heißt es für die Bestohlenen: Zurück klauen oder aber das Bäumchen gegen allerlei Schnaps und Bier zurück kaufen. In einer am Ende des Monats stattfindenden "Rückholfeier" versöhnen sich Diebe und Bestohlene und begießen den Baum und die eigene Kehle ein zweites Mal in aller Freundschaft. Denn so viel ist sicher: Um einen Grund zu feiern sind sie nie verlegen, die Ostfriesen …

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