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Der sagenhafte Radbod: Historiker enttarnen Legenden um Friesenkönig – Zahlreiche Spuren in Ostfriesland

Axel Heinze, Leiter des Esenser Museums "Leben am Meer", am Radbodsberg in Dunum.

Ein frühmittelalterlicher Grabhügel, ein Wäldchen und mehrere Straßen sind nach ihm benannt. Doch Geschichtswissenschaftler haben die meisten Legenden um den 719 n.Chr. gestorbenen Radbod inzwischen enttarnt. "Ich bezweifle, dass er jemals in Ostfriesland gewesen ist", sagt der Auricher Historiker Hajo van Lengen. Allerdings habe Radbod durch seinen vehementen Widerstand gegen die Christianisierung einen nachhaltigen Eindruck in der Bevölkerung hinterlassen. "In der Geschichtsüberlieferung ist er das friesische Pendant zu Karl dem Großen", sagt van Lengen.

Fehlende schriftliche Aufzeichnungen aus der Zeit seiner Herrschaft machten die Spurensuche schwierig, betont indes Axel Heinze. Der Leiter des Museums "Leben am Meer" in Esens, das sich der Siedlungsgeschichte im Küstenraum widmet, hält den so genannten Radbodsberg im ostfriesischen Dunum nicht für das Grab des Friesenhäuptlings. Heinze: "Hier liegt er mit Sicherheit nicht. Es ist bis heute unklar, wo er starb." Auch die zeitliche Einordnung widerspreche der Legende von seiner letzten Ruhestätte. Nach dieser Legende wird er einst auferstehen, um die…

…friesischen Lande zwischen Holland und Dänemark wieder miteinander zu vereinen.

Anderen Überlieferungen zufolge liegt der sagenumwobene Radbod unter einem großen Stein im Radbodsholz in Berumerfehn begraben. Zudem tragen mehrere Straßen in Ostfriesland den vermutlich von König Radbod abgleiteten Namen Conrebbersweg. Diese Wege führen zum Upstalsboom in Rahe bei Aurich, einem frühmittelalterlichen Versammlungsort friesischer Volksvertreter. Wie der Ort des Dunumer Grabhügels liege der Upstalsboom aber nicht im Kerneinflussbereich Radbods. Einen Radbodsberg soll es auch auf der Insel Helgoland und der längst untergegangenen Insel Bant gegeben haben. Zudem existiert eine Radbodsburg im niederländischen Medemblik. Der Nachweis einer direkten Verbindung zum Friesenherrscher könne jedoch nicht erbracht werden, sagt Heinze. Auch archäologische Ausgrabungen im niederländischen Wijnaldum hätten keine neuen Erkenntnisse über seinen Herrschaftssitz zu Tage gefördert.

Unumstritten ist indes, dass die Friesen zur Zeit Radbods ein mächtiges Volk waren, dessen Einflussgebiet von Brügge im Westen bis zur Weser im Osten reichte. Der Besitz der Rheinmündung machte die Friesen zu einem der größten Handelsvölker Europas. "Damals traten friesische Sklavenhändler in London auf. Friesische Tuche und Felle waren ein Qualitätsbegriff. Zahlreiche Münzfunde weisen auf weitreichende Handelsbeziehungen hin", schrieb der ostfriesische Heimatforscher Karl-Heinz de Wall. Radbod sei die Personifizierung dieser Epoche. Zunächst habe Frankenherrscher Pippin II. die Grenzen Frieslands weit nach Norden und Osten zurückdrängen können. Doch nach Pippins Tod habe sich Radbod mit seinen Mannen bis Köln vorgekämpft, das von den Franken nur mit einem großen Teil ihres Reichsschatzes freigekauft werden konnte.

Noch bedeutender ist Radbods Abneigung gegen das von den Franken verkörperte Christentum. Der Überlieferung zufolge reiste der angelsächsische Benediktinermönch Willibrord zur Wiltaburg ins niederländische Utrecht, um Radbod für den katholischen Glauben zu gewinnen. Doch der widersetzte sich dem missionarischen Eifer und hielt sich an das für die friesische Unabhängigkeit stehende Heidentum. Im Kampf gegen die Christianisierung ließ er angeblich Kirchen verwüsten und Priester ermorden. Der bekanntesten Sage nach gelang es den friedlich pilgernden Missionaren Willibrord und Wulfram zwar, ihn kurz für das Christentum zu interessieren. Aber mit einem Fuß im Taufwasser machte Radbod einen Rückzieher. Er hatte die Missionare gefragt, ob er im Himmel auf seine Vorfahren treffen würde. Diese verneinten. Alle Heiden seien in die Hölle gekommen. "Wenn das so ist, bin ich lieber mit meinen Verwandten in der Hölle als mit fremden Leuten im Himmel", entgegnete Radbod und ließ sich nicht bekehren. Seine Landsleute folgten seinem Beispiel. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod setzte sich der neue Glaube in Friesland durch.

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One Response to "Der sagenhafte Radbod: Historiker enttarnen Legenden um Friesenkönig – Zahlreiche Spuren in Ostfriesland"

  1. Weiko sagt:

    Einflussgebiet von Brügge im Westen bis zur Weser im Osten reichte.
    Woher komt Brügge?

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